Review: Ein Riesenteil – Der Anycubic Chiron

Mit dem Chiron bringt der chinesische Hersteller Anycubic einen 3D-Drucker auf den Markt, welcher nicht nur einen sehr großen Bauraum bietet sondern auch über einige smarte Features verfügt. Da der Anycubic Chiron nun bei Amazon Deutschland verfügbar ist, habe ich zugeschlagen. Hier bekommt ihr meinen Eindruck nach einer Woche und knapp 100 Stunden Druckzeit. Am Ende des Beitrags findet ihr eine Gallerie mit Bildern.

Anycubic hat mit seinem i3 Mega einige Lorbeeren sammeln können. Der Drucker besticht durch einen durchdachten Aufbau und konnte sich von den vielen Prusa i3 Klonen, nach deren Prinzip er arbeitet, abheben. Zuletzt hat der chinesische Hersteller mit dem Photon, einem DLP 3D-Drucker, ein neues Gerät vorgestellt. Nun hat sich Anycubic das beliebte CR-10 Design vorgenommen. Ordentlich Zeit gelassen hat Anycubic sich dabei: Die Geräte von anderen Herstellern sind längst am Markt und zumeist auch günstiger, wenngleich der Bauraum dort kleiner ist.

Versandverpackung des Anycubic Chiron
Versandverpackung des Anycubic Chiron. Gesamtgewicht 20 kg. Abmessungen 80x80x40 cm

Lieferumfang

Bei Amazon war ein Angebot für 499 Euro. Mittlerweile gibt es nur das Paket für 539 Euro -hier sind mehr Teile im Lieferumfang (Filament, Düsen, Düsennadeln). Der Lieferumfang besteht bei mir also nur aus dem Drucker, 0,5 kg PLA schwarz und einem Werkzeugpaket wie bei jedem Drucker. Die Lieferung erfolgte durch DHL. Ich habe am Freitag bestellt und am Mittwoch war der Drucker da. Da aus Deutschland versandt wurde fallen keine Steuern oder Zölle an. Der lange Versand lag definitiv an DHL. Der Versandkarton wiegt insgesamt 20 Kilogramm.

Technische Daten

Bauraum400 x 400 x 450 mm
Extruder1
Heizbettja, bis 105°C
ControllboardTrigorilla
BesonderheitenFilamentsensor, Autoleveling Sensor, Power Resume
Netzteil1000W
Schichtauflösungen0,05 - 0,3 mm
PositionierungsgenauigkeitX/Y 0.0125mm , Z 0.0020 mm

Anycubic macht beim Chiron einiges richtig: Das Trigorilla Board ist solide und ermöglicht das Wechseln der Steppertreiber ohne zu löten. Das heißt man kann später einfach Beispielsweise zu leiseren TMC2100 Drivern wechseln. Am Motor der Y-Achse ist ein Entkoppler verbaut, welcher die Vibrationen am Druckbett verringern soll. Auch die beiden optischen Endstops an der Z-Achse sieht man nicht an jedem „CR-10 Klon“.  Mit Zubehör und Ersatzteilen für alle seine Geräte macht Anycubic einiges anders als die vielen chinesischen Hersteller. Auf dem Youtube Kanal kann man regelmäßig neue Tutorials und Instandhaltungstipps zu den Geräten sehen.

Aufbau

Dank des modularen Designs ist der Aufbau sehr schnell erledigt. Lediglich die Z-Achse muss montiert werden. Dies geschieht mittels zwei Schrauben, welche die Profile des Portals und der Basis verbinden. Zudem wird ein T-Winkel mitgeliefert um die Achse zu stabilisieren. Zusammen mit dem Auspacken hat der Aufbau 25 Minuten gedauert – dabei habe ich gelegentlich in die Anleitung geschaut und alle Schrauben nachgezogen. Dies war bei meinem Gerät nicht notwendig. Leider ist ein kleines Stück aus dem Glasdruckbett abgesplittert. Da es am Rand liegt und nicht in den Druckbereich reicht, finde ich es nicht so schlimm – möchte es aber dennoch nicht unerwähnt lassen. Ebenso muss der Filamenthalter zusammengebaut und angebracht werden. Auch dies ist kein Problem.
Der Filamenthalter ist ebenfalls aus Metall. Leider passen nur Spulen mit maximal acht cm breite und Standard-Durchmesser. Für zwei Kilogramm Spulen muss man sich eine andere Lösung einfallen lassen. Spulen von Filament PM passen leider ebenfalls nicht, da sie neun cm breit sind.

Anleitung

Die Anleitung des Druckers ist gut gemacht. Hochwertiges Papier und gute bebilderte Erklärungen erleichtern den Einstieg. Die leider nur in Englisch verfügbare Anleitung enthält ein paar kleine Fehler. Diese liegen allerdings meist in Rechtschreibung und Grammatik. In der gedruckten Anleitung fehlte bei mir ein Abschnitt zum Autoleveling. Aber dazu später mehr. Man sollte sich also lieber die aktuelle Anleitung auf der SD Karte anschauen.

Der Drucker

Da steht er nun der Anycubic Chiron. Das Riesengerät passt fast genau auf einen IKEA Lack Tisch. Es fehlen oben und unten jeweils drei Zentimeterfür einen sicheren Halt. Zudem ragt das Druckbett dann noch über den Tisch hinaus. Insgesamt würde ich für de Chiron einen Platzbedarf von rund 100 x 100 cm und eine Höhe von 80 cm einplanen – wenn man den beiligenenden Filamentspulenhalter nutzt.
Alles in Allem macht der Drucker einen guten Eindruck. Über die „nur“ 20 x 40 mm Aluprofile kann man bei der Bauraumgröße streiten. Auf mich wirkt es soweit stabil. Am Drucker befindet sich nur ein gedrucktes Teil (die Fanduct) alle anderen Kunststoffteile sind auf herkömmliche Weise hergestellt. Dies verleiht dem Drucker eine gute Optik. Auch der „geschlossene“, d.h. mit einer Metallabdeckung versehene, Extruder sieht gut aus und wirkt hochwertiger als die meisten anderen Hotends. Schneller Zugriff auf das Coldend sind so nicht möglich.
Der Tocuscreen zeigt Inhalte in Farbe an und bietet viele Einstellmöglichkeiten. Leider kann man die Flowrate während des Drucks nicht ändern – bisher konnte ich das bei jedem Drucker der hier rumsteht. Mir gefällt auch die Anbringung der Kontrollbox und des Netzteils unter dem Druckbett gut, da der Drucker ansonsten noch mehr Platz einnehmen würde und auch das Kabelmanagement dadurch vereinfach wird. Für einen Größenvergleich: Ein Prusa i3 MK3 passt recht genau auf das Druckbett des Anycubic Chiron.

Unterseite eines Drucks. Die Ultrabase Pro macht ein interessantes Muster auf die Bauteile.
Unterseite eines Drucks. Die Ultrabase Pro macht ein interessantes Muster auf die Bauteile.

Druckbett

Das Druckbett ist mit einer Ultrabase Pro beschichtet. Diese habe ich bisher noch nicht genutzt, war also umso mehr gespannt wie Objekte haften und die Unterseite der Drucke aussieht. Die Ultrabase Pro fühlt sich etwas rau an – in etwa so, als wenn man das Glas mit Schultafellack lackiert hätte. Da die Glasplatte direkt an der Führung der Y-Achse befestigt ist, ist es nicht einfach möglich das Druckbett zu tauschen. Trotz Levelingassistent und Z-Height Kompensation sind vier Justierschrauben am Druckbett angebracht. Diese habe ich nicht genutzt. Dank der Ultrabase Pro Beschichtung haften auch großflächige Drucke optimal. Testdrucke mit ABS, HIPS und Nylon zeigten kein Warping. Nach dem Abkühlen schrumpft die Ultrabase Beschichtung im mikroskopischen Bereich und die Drucke liegen locker auf dem Druckbett. Auch bei sehr großflächigen Drucken.
Wer eine andere Druckbettbeschichtung möchte, muss wohl mit Clips arbeiten oder das Gesamte Druckbett tauschen.

Die Heizzeiten sehen bei 19°C Umgebungs- und Druckbetttemperatur wie folgt aus:

  • 215 Sekunden auf 60°C
  • 485 Sekunden auf 95°C
  • 585 Sekunden auf 105°C
Zubehörpaket Anycubic Chiron
Zubehörpaket Anycubic Chiron

Zubehör

Das Zubehör, welches dem Drucker beiliegt besteht aus:

  • Handschuhen
  • Pinzette
  • Zange
  • Sechskantschlüsseln
  • Spachtel
  • USB-Kabel
  • SD-Karte mit USB-Stick Kartenleser

Die Standardausrüstung bei 3D Druckern. Zumindest der Spachtel und der USB-Stick machen einen hochwertigen Eindruck, die Pinzette ist mit schwarzem Kunststoff überzogen. Ich habe schon schlechtere Werkzeuge gesehen. Zudem ist ein zweiter Druckkopf mit 0,4 mm Düse und Teflonschlauch dabei. Das beiliegende PLA Filament habe ich bisher nicht getestet.

Intelligente Funktionen

Dem Anycubic Chiron wurde vom Hersteller ein Filamentsensor und ein Stromausfallsensor spendiert. Dies macht meiner Meinung nach Sinn, da es die Zuverlässigkeit bei längeren Drucken (die aufgrund der Bauraumgröße ja einhergeht) erhöht. Insgesamt ist bei den dazugehörigen Prozessen noch Luft nach oben. Ebenfalls sinnvoll bei der großen Druckfläche ist der Bett Leveling Sensor mit Auto-Leveling Funktion. Im Bezug auf diese Funktionen habe ich einem Techniker von Anycubic bereits einige Fragen gestellt.

Bett Leveling Sensor

Das Bett Leveling erfolgt durch das Anstecken eines Sensors am Druckkopf. Der Anschluss erfolgt an einer Buchse auf dem Metallgehäuse des Druckkopfs. Der Sensor wird dann neben dem Hotend an einem Magneten befestigt. Danach muss man die Datei „Autoleveling.gcode“ drucken. Der Druck ist innerhalb von 0 Sekunden fertig. Nun ist im Menü ‚Tools > More > Level‘ der Punkt „Probe“ wählbar. Nach Auswahl des Punktes und anschließender Prüfung ob der Sensor richtig angebracht ist, erfolgt das Abtasten durch Bestätigung des „Okay“ Buttons. Der Chiron misst nun 25 Punkte des Druckbettes. Danach sollte die „Level_Test.gcode“ Datei auf der SD-Karte gedruckt werden. Während des Drucks können die Offsets der 25 Messpunkte eingestellt werden um das Bett zum Extruder richtig auszurichten. Der Vorgang funktioniert einfach und sollte auch Einsteigern keine Probleme bereiten – spätestens das Lesen der Anleitung (V7 von der SD-Karte) wird Klarheit bringen.
In der Autoleveling.gcode befinden sich nur drei Commands. Die letzte ist eine M1001. Diese wird verwendet um die „Probe“ im ‚Tools -> More‘ Menü freizuschalten.
Selbst wenn man keine Höhenorrektur an einzelnen Messpunkten vornimmt, muss die Z-Achse während des Drucks arbeiten. Dies habe ich in einem Twitter Video festgehalten.

Stromausfall Resume

Eine Funktion, die nach Stromausfällen den Druck fortsetzen kann, ist definitiv eine gute Idee. Der erste meiner Tests ging ordentlich in die Hose, weil ich aufgrund schlechten Kabelmanagements meinerseits tatsächlich den Drucker vom Strom abgezogen habe – ohne das zu wollen. Da Ich die Gelegenheit trotzdem direkt nutzen wollte, schaltete ich den Drucker einfach an und wollte den Druck fortsetzen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich diesen Punkt der Anleitung nicht ganz gelesen und so ging das Fortsetzen auch gehörig schief: Die Düse zerkratzte die Oberfläche der Ultrabase Pro Beschichtung. Falls ihr euch fragt was das da auf dem Druckbett ist (siehe Galerie am Ende des Beitrags). Nachdem ich beim Support angefragt habe, wurde mir empfohlen die Firmware zu aktualisieren. Mein Chiron wurde mit Version 1.2.5 ausgeliefert. Aktuell (25.10.2018) ist 1.2.8 – die Firmware ist auf der beiliegenden SD-Karte abgelegt. Nach dem Update funktionierte die Resume Funktion einwandfrei: Ich habe das Stromkabel abgezogen und nach kurzer Zeit wieder angesteckt. Dann habe ich den Druck fortgesetzt. Wie mir scheint werden ein paar Lines geskippt, da ich meist an einem Perimeter den Strom abgezogen habe. Der Drucker druckte aber im Infill weiter. Zudem sollte man sobald die Düse warm genug ist, etwas Filament nachschieben, da es in den ersten Zentimetern des fortgesetzten Drucks ansonsten zu Unterextrusion kommen kann. Der Ablauf könnte noch ein wenig verbessert werden. Im Gegensatz zum Power Resume am Prusa MK3 fährt die Nozzle nicht ein paar Milimeter vom Druck weg.
Wichtig dabei ist jedoch: Es ist notwendig in den Startcode eures Slicers am Ende ein „G5“ Kommando einzufügen. Ebenfalls sollte das Druckmodell nur im hinteren Bereich des Druckbetts platziert werden, da der Drucker zum fortsetzen einmal die Z-Achse homed. Drucke auf dem gesamten Druckbett sind leider nicht fortsetzbar nach einem Stromausfall. Dies ist sehr schade, aber wenn man es weiß dann kann man damit arbeiten. Dennoch ist dies ein Nachteil des Chiron.

Filamentsensor

Den Filamentsensor habe ich mit verschiedenen Filamenten getestet. Da es ein mechanischer Switch ist, wird er in verschiedenen Lichtumgebungen gleiche Ergebnisse liefern. Egal ob ABS, Wood, TPU oder andere flexible Filamente: Der Sensor merkt zuverlässig ob noch Filament vorhanden ist. Das sogar, wenn der Drucker gerade nicht druckt. Wenn das Filament während des Drucks abgeschnitten wird, hält der Drucker an und man hat die Möglichkeit neues Filament einzulegen. !!! Dabei wird die Düse nicht runter gekühlt sondern heizt weiter. Das ist meiner Meinung nach suboptimal.

Druckqualität

Da ich Cura nicht zum Slicen nutze musste ich mir in S3D ein eigenes Profil erstellen. Dieses stelle ich euch zum Download zur Verfügung. Die Druckqualität bei maximal 60 mm/s ist ordentlich, auch wenn ich das Profil noch nicht zu 100% richtig eingestellt habe. Es ist aber ein guter Start für euch. Der Druck keinerlei Fehler.
Nach drei 3DBenchys habe ich direkt einen 60+ Stunden Druck gestartet. Dieser lief problemfrei durch. Das gedruckte „Castle“ von MakerBot (thingiverse) ist 38 cm breit. Der Druck sieht super aus – bis auf das Stringing aufgrund eines nicht optimalen Profils. Ich habe ColorFabbs EcoPLA verwendet. Dieses hat eine Fertigungstoleranz von nur 0,1mm. Trotzdem sieht der Druck hervorragend aus und zeigt nicht die gewohnten Probleme eines günstigen Druckers der Out-of-the-Box druckt: Kein Z-Wobble oder ähnliches. Lediglich leichtes Ghosting ist zu erkennen. (Siehe Gallerie am Ende des Beitrags.

Fazit

Der Anycubic Chiron ist ein durchdachter Drucker nach Vorbild des Creality CR-10. Mit dem Trigorilla Board, optischen Endstops an der Z Achse, Filamentsensor und einer Resume Funktion bei Stromausfällen ist es nicht einfach nur ein Cr-10 Klon. Ein Kubikzentimeter Druckvolumen kostet beim Chiron nur 0,007 Euro. Bei einem Creality CR-10 sind es 0,01 Euro und bei einem Prusa i3 MK3 schlägt er mit 0,06 Euro, also fast dem 10-fachen zu Buche.
Der Aftersale Service bei Anycubic funktioniert einwandfrei. Die Mitarbeiter antworten schnell und gehen gut auf die Fragestellungen ein. Der Source Code der Firmware ist frei zugänglich. Somit sind eigene Firmwareanpassungen möglich. Bei Thigivverse habe Ich eine Collection mit Upgrades für den Chiron erstellt. Siehe hier: Anycubic Chiron Upgrades Collection

Vorteile:

  • Sehr großes Druckvolumen
  • Auto-Bedleveling
  • Filamentsensor
  • Solider Aufbau

Nachteile:

  • Netzteillüfter ist sehr laut (ca. 75 dB)
  • Platzbedarf
  • Es werden keine Ordnerstrukturen der SD-Karte angezeigt